Die reguläre Saison ist vorbei, die Postseason ist hier. Meine Wild Card Preview beinhaltet den eigens entwickelten „Urgency Index“, der auf einer Skala von 1 (gar nicht urgent) bis 10 (extrem urgent) bewertet, wie sehr die Clubs und vor allem die Fans den Gewinn der World Series nötig haben. Dabei spielen Faktoren wie historischer Erfolg, aktuelle Situation und zukünftige Chancen auf die Meisterschaft eine Rolle. Eine Franchise ohne Championship auf dem Briefpapier mit einem Kern aus 40-Jährigen Leistungsträgern, die sich alle in ihrem letzten Karrierejahr befinden würde also eine klare 10 bekommen.
#5 Boston Red Sox (89-73) vs. #4 New York Yankees (94-68)

Was bisher geschah: Für die New York Yankees startete das Jahr alles andere als gut. Frisch von der Niederlage in der World Series kommend, gab es im Winter den ersten harten Schlag zu verkraften: Juan Soto wechselte aus der Bronx ein paar Kilometer Richtung Osten nach Queens. Kurze Zeit später platzte die nächste Bombe: Gerrit Cole musste unter das Messer und fiel für die komplette Saison 2025 aus. Davon ließen sich die Bronx Bombers aber nicht unterkriegen. Der aus Atlanta als Free Agent verpflichtete Max Fried nahm die Rolle von Cole als neuer Anker der Rotation ein und die Last von Soto wurde auf mehreren Schultern verteilt, wobei vor allem Rooke Ben Rice, Trent Grisham und der ebenfalls neu verpflichtete Cody Bellinger zu nennen sind, die als Trio 87 Homeruns schlugen. Die Yankees konnten sich zunächst eine ordentliche Führung in der Division herausspielen, aber ab Mitte der Saison strauchelte man vor allem aufgrund eines formschwachen Bullpens, der auch mit zahlreichen Deadline Acquisitions nicht vollends überzeugen konnte. Die Blue Jays übernahmen ab Juli die Führung in der Division und gaben sie bis zum letzten Spieltag nicht mehr ab, auch wenn die Yankees mit 8 Siegen am Stück zum Ende der Saison nochmal ordentlich Druck ausüben konnten.
Die Boston Red Sox gingen als Geheimfavorit in das Jahr. Aus einer 81-81 Saison kommend, besaß man ein Farmsystem mit etlichen High End Prospects, welche in der Saison mal mehr (Roman Anthony) und mal weniger (Kristian Campbell) einschlugen. Zusätzlich verstärkte man sich mit Free Agent Alex Bregman und konnte Lefty Garrett Crochet von den White Sox verpflichten, der mit einem ERA von 2.59 einer der dominantesten Starter des Jahres war. Durch Bregmans Verpflichtung kam es aber auch zu Querelen mit Rafael Devers, der sich zunächst weigerte, seine Position für Bregman aufzugeben und schlussendlich zu den San Francisco Giants getradet wurde. Die Red Sox standen zu diesem Zeitpunkt bei .500 und hatten laut Fangraphs eine Playoff Wahrscheinlichkeit von 31%. Mit einer 10 Spiele andauernden Siegesserie vor dem AllStar Break und dem gleichzeitigen Niedergang der Tampa Bay Rays spielten sich die Red Sox aber in einer solide Ausgangsposition, die sie den Rest des Jahres nicht mehr verspielen sollten.
Was erwartet uns: Eine der traditionsreichsten Rivalitäten in der MLB bekommt eine neue Auflage. Unvergessen sind die Duelle Anfang des Jahrtausends, von Aaron Boones (aktueller Manager der Yankees) Walk Off Homerun in Spiel 7 der ALCS bis zum 0-3 Comeback der Red Sox ein Jahr später. Die Rollen sind mittlerweile vertauscht, die Yankees warten seit 16 Jahren auf einen Titel, während die Red Sox mit 2004, 2007, 2013 und 2018 das erfolgreichste Team des aktuellen Jahrtausends sind. Zuletzt traf man 2021 in der Postseason aufeinander, damals noch im alten Wild Card Format. Das Alles oder Nichts Spiel konnten die Red Sox mit 6-2 für sich entscheiden, in der ALCS war dann gegen die Astros Schluss.
Stärken und Schwächen: Den Spitznamen „Bronx Bombers“ haben die Yankees nicht umsonst. New York schlug die meisten Homeruns in der Saison, neben Aaron Judges 53 taten sich aber auch andere Namen hervor. Catcher Austin Wells (21), Jazz Chisholm (31), Anthony Volpe (19), Trent Grisham (34), Ben Rice (28), Cody Bellinger (29) und natürlich der alte Veteran Giancarlo Stanton (24) können ein Spiel jederzeit mit einem Swing entscheiden. Mit Carlos Rodon und Max Fried steht zudem ein starker 1-2 Punch in der Rotation. Fragezeichen hingegen gibt es weiterhin beim Bullpen. Das Trio Clay Holmes, Tommy Kahnle und Luke Weaver welches die Yankees letztes Jahr durch die Postseason trug ist entweder bei anderen Teams unter Vertrag (Mets bzw. Tigers), oder kommt nicht an die Leistung aus dem Vorjahr heran. Camilo Doval und Devin Williams haben sich nicht als Verstärkung herausgestellt. Closen wird wahrscheinlich der von den Pirates an der Deadline verpflichtete David Bednar. Bei eigener Führung ist für Yankee Fans auf jeden Fall zittern angesagt.
Das verhält sich bei den Red Sox genau umgekehrt. Der ewige Aroldis Chapman spielt mit 37 seine wahrscheinlich beste Profisaison und übertrifft weiterhin regelmäßig die 100mph Grenze. Kein Closer war dieses Jahr besser als er. Mit Garrett Whitlock gibt es einen dominanten Setup Man vor ihm. Die Rotation hinter Garrett Crochet hat allerdings einige Fragezeichen. Brayan Bello hat ein Breakout Jahr hinter sich und Lucas Giolito hat nach Jahren der Frustration seine Qualität wiedergefunden, aber beides sind keine Starter, die ein Playoff Lineup dominieren. Die Offensive kann nicht mit den Yankees mithalten und ist mitunter streaky. Beide Teams sind zudem nicht für ihre gute Defense bekannt.
Urgency-Index
New York Yankees: 6/10 – die letzte Meisterschaft ist für Yankee-Verhältnisse Lichtjahre entfernt, Stanton, Judge und Cole sind relativ alt, zudem muss Judge für seine Legacy noch nachweisen, dass er die Yankees auch in der Postseason anführen kann. Die Finalniederlage aus dem letzten Jahr ist zudem noch schmerzhaft in Erinnerung. Trotzdem – es sind immer noch die Yankees und nur wenige Leute werden ihnen nachtrauern, sollten sie frühzeitig die Segel streichen
Boston Red Sox: 1/10 – Mit 4 World Series Trophäen in den letzten 21 Jahren ist man fast schon erfolgsverwöhnt, auch wenn mit besserem Management noch mehr Titel möglich gewesen wären. Warum ich aber glaube, dass Boston diesen Titel wirklich nicht braucht: Das Farmsystem ist so geladen, dass die Red Sox auch so in den nächsten 4-5 Jahren problemlos um den Titel mitspielen sollten, wenn man sich nicht ganz blöd anstellt.
Mein Tipp: Yankees in 3.
#6 Detroit Tigers (87-75) vs. #3 Cleveland Guardians (88-74)

Was bisher geschah: Nachdem die Tigers letztes Jahr eine erste Duftnote setzen konnten und die Astros in der Wild Card eliminierten, für die sie sich zuvor durch einen Endspurt qualifizieren konnten, gingen sie dieses Jahr als Favorit in der AL Central ins Rennen. Der junge Kern sollte sich weiterentwickeln und zudem durch weitere Talente verstärkt werden. Das funktionierte nur zum Teil, mit Jackson Jobe musste das vielversprechendste Pitching Talent frühzeitig unter das Messer und fiel somit für die komplette Saison aus. Spieler wie Catcher Dillon Dingler oder Spencer Torkelson konnten sich dennoch etablieren und das offensivschwache Lineup der Tigers verstärken. Somit führte man im Juli die AL Central mit 14 Siegen vor den Royals, Twins und Guardians an und alles deutete auf einen entspannten Divisiontitel hin, ehe eine Durststrecke von 8 Niederlagen im September, gepaart mit einer unvergleichlichen Siegesserie der Guardians doch noch dafür sorgte, dass die Tigers vom Thron gestoßen wurden. Und damit ist mehr oder weniger auch schon die Geschichte der Guardians erzählt. Das Team unterscheidet sich in seinen Stärken und Schwächen eigentlich nicht vom letztjährigen Team, welches die ALCS erreichen konnte. Aufregung gab es während der Saison, als AllStar Closer Emmanuel Clase wegen Ermittlungen zu Wettmanipulation für den Rest des Jahres gesperrt wurde. Die Saison schien erledigt, doch im September verwandelten sich plötzlich alle Starter in Cleveland zu Prime Randy Johnson und Cleveland konnte trotz der dürftigen Offensive einfach nicht mehr verlieren. Das Resultat ist der sechste Divisiontitel in den letzten 10 Jahren und ein First Round Matchup mit den Tigers, auf die man in den letzten zwei Wochen der regulären Saison 6 mal traf und davon 5 Spiele gewinnen konnte.
Was erwartet uns: Ein Duell für Pitchingliebhaber und Taktikfüchse. Die beiden Manager AJ Hinch und Stephen Vogt haben letztes Jahr in den Playoffs gezeigt, dass sie zu den besten im Geschäft gehören wenn es darum geht, Matchups im Bullpen auszunutzen. Ein Offensivfeuerwerk können wir nicht erwarten, umso entscheidender wird jeder einzelne Homerun am Ende sein. Beide Teams trafen bereits letztes Jahr in der ALDS aufeinander, damals konnten sich die Guardians in Spiel 5 gegen Tarik Skubal durchsetzen.
Stärken und Schwächen: Beide Teams zeichnen sich nicht durch ihre Offensive aus. Während die Guardians wie schon letztes Jahr mit einem extrem schwachen Lineup auflaufen werden, bei dem José Ramirez der einzige wirkliche Topspieler ist, gibt es bei den Tigers zwar etwas mehr Power zu beobachten, dafür allerdings auch mehr Strikeouts. Kein Spieler in der American League strikte häufiger aus, als Tigers Starspieler Riley Greene (36 Homeruns bei 201 Strikeouts). Dementsprechend liegt der Fokus auf dem Pitching Staff: Die Tigers können in Game 1 mit Tarik Skubal den wahrscheinlich besten Starting Pitcher aller Postseason Teams stellen. Dahinter hingegen wird es für Detroit in der Rotation äußerst dünn. Das kann in einer 3 Game Series in der Wild Card reichen, spätestens bei längeren Serien entwickelt sich das aber zu einem Problem. Der Bullpen ist solide, hat aber keinen wirklichen herausragenden Arm, der mit Strikeouts die Kohlen aus dem Feuer holt.
Die Guardians können keinen Pitcher der Klasse Skubal stellen, haben dafür aber eine bestechende Form ihrer Starter, welche den niedrigsten ERA in der MLB seit Ende August haben. Mit Cade Smith steht zudem ein Shutdown Reliever bereit, den die Tigers so nicht vorweisen können. Die Guardians haben zudem bewiesen, dass sie die Power Bats der Tigers im direkten Duell gut eindämmen können.
Urgency-Index
Cleveland Guardians: 7/10 – der letzte Titelgewinn liegt 77 Jahre zurück. In der Zwischenzeit gab es viele niederschmetternde Niederlagen. Dieses Team steht auf fragilen Säulen und wird hauptsächlich von seinem Pitching getragen. Die Frage ist, wie lange noch? Ich sehe die Guardians nicht als Favorit für die Playoffs in den nächsten Jahren – das hier könnte erstmal die letzte Chance auf ein Titel sein. Die Guardians sind meiner Meinung nach aber mit den Reds das schwächste Team in der Postseason. Hier wird bei einem frühen Aus keiner von einer Enttäuschung sprechen.
Detroit Tigers: 4/10 – über 40 Jahre ist der letzte Titel der Tigers her. Das ist eine lange Durststrecke, aber ich glaube, dass die Tigers mit den vielen starken jungen Talenten in den nächsten Jahren eine noch bessere Chance haben werden, die World Series zu gewinnen, als jetzt. Das Titelfenster öffnet sich für die Tigers erst.
Mein Tipp: Guardians in 3.